Lehre Pflanzenbau


Pflanzenbau - Was ist das und warum studiert man es?

 

Der Begriff Pflanzenbau bezeichnet die landwirtschaftliche und gärtnerische Primärproduktion auf dem Acker- und Grünland. Im Landwirtschaftsbetrieb werden Nutzpflanzen angebaut, welche Nahrung für den Menschen, Futter für die Nutztiere, Rohstoffe für die industrielle Nutzung und biogene Energieträger liefern. Im Vergleich zur natürlichen Vegetation sind Nutzpflanzenbestände regelmäßig Reinbestände einer Art, oft eines einzigen Genotypen. Sie sind somit morphologisch und genetisch sehr homogen, so dass steuernde Eingriffe durch pflanzenbauliche Maßnahmen gezielt möglich sind. Weil die Bestände aber zugleich sehr instabil gegenüber Stress- und Schadeffekten sind, werden diese Eingriffe auch unerlässlich.

Heute stellen wir fest, dass es dem Pflanzenbau durch Kreativität sowie Bündelung und Anwendung des naturwissenschaftlich-technischen Fortschrittes gelungen ist, in Nordamerika und Australien sowie in Mittel- und Westeuropa über die Selbstversorgung hinaus beträchtliche Produktionsüberschüsse zu erzeugen. Somit ist in diesen Gebieten die ursprüngliche Aufgabe des Pflanzenbaus zunächst erfüllt. Andererseits müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass intensive Pflanzenproduktion einseitige Anbausysteme und artenarme Fruchtfolgen sowie teilweise übersteigerten Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln bedeutet. Hierdurch haben sich eine Verarmung von Flora und Fauna auf der landwirtschaftlich genutzten Fläche und in Einzelfällen auch eine Rückstandsbelastung des Erntegutes und der natürlichen Ressourcen (Boden, Wasser, Atmosphäre) ergeben.

Aus diesen Gründen basiert die heutige Landnutzung hauptsächlich auf den Verfahren des integrierten Pflanzenbaus, der die natürlichen Regelkräfte der Agrarökosysteme unter Einbeziehung von biologisch-technischen Fortschritten in der Pflanzenzüchtung, der Pflanzenernährung, im Pflanzenschutz und in der Agrartechnik nutzt, um langfristig und nachhaltig sichere Erträge und betriebswirtschaftlichen Gewinn zu gewährleisten ohne die Agrarökosysteme unnötig zu belasten.

Im Ökologischen Pflanzenbau wird darüber hinaus unter bewusstem Verzicht auf den Einsatz chemisch-synthetischer Betriebsmittel ein weitgehend geschlossener Stoffkreislauf im Landwirtschaftsbetrieb angestrebt, zudem werden stärkere Verzahnungen zum Naturschutz verfolgt.

Die Wissenschaft des Pflanzenbaus trägt starke naturwissenschaftliche Züge, sie ist aber auch eine systemorientierte und damit integrierende Disziplin. Zunächst richtet sie sich auf die kausalen Zusammenhänge zwischen Wachstum, Entwicklung und Ertragsbildung der Nutzpflanzen, mit dem Ziel, das genetisch vorgegebene Ertragspotential der Pflanzenbestände in Interaktion mit der jeweiligen Umwelt bestmöglich auszuschöpfen. Die ertragsbildenden biologischen Prozesse werden hierzu durch die pflanzenbauliche Produktionstechnik unterstützt.

Die integrierende Funktion des Pflanzenbaus ergibt sich aus der Einbettung der Produktion in den landwirtschaftlichen Betrieb und der Zusammenführung der Inhalte von Tochterdisziplinen, die sich im Verlauf der Wissenschaftsgeschichte aus der Pflanzenbauwissenschaft heraus entwickelt haben, sowie von agrarökologischen Nachbardisziplinen. Hierzu bedarf es einer funktionalen Definition und Quantifizierung von Beziehungen zwischen einer Vielzahl von biologischen, physikalisch-chemischen und ökonomischen Systemelementen. Auf diesem Wege ist es der Pflanzenbauwissenschaftler, der das harmonische Zusammenspiel Vieler lenkt. Diese holistische Sicht befähigt ihn zur zielkonformen Kombination pflanzenbaulicher Einzelmaßnahmen, zur Gestaltung von Anbausystemen und zur Erfassung und Bewertung von Wechselwirkungen mit dem Agrarökosystem. Die methodischen Ansätze reichen von physiologischen Untersuchungen an Einzelpflanzen und Einzelbeständen über umweltanalytische Messtechniken bis hin zu quantifizierenden Bilanzierungs- und Simulationsstudien.

Das Studium des Pflanzenbaus vermittelt die Fähigkeit zum Erkennen von Kausalzusammen- hängen und zur Quantifizierung funktionaler Beziehungen auf den Betrachtungsebenen Pflanze, Bestand, Betrieb und Ökosystem unter zahlreichen variierenden äußeren Bedingungen. Schwerpunkte der Ausbildung liegen auf den Gebieten der Ertragsbildung und Bestandesführung von Pflanzenbeständen sowie im Bereich der Bodennutzungssysteme des Landwirtschaftsbetriebes, sei er konventionell oder ökologisch ausgerichtet. Entsprechend breit stellt sich das spätere Berufsfeld dar. Bezogen auf den Agrarsektor werden Betriebsleiter, Berater und Lehrer ausgebildet. Weiterhin finden Absolventen ein Tätigkeitsfeld in der Düngemittel-, Pflanzenschutz- und Landmaschinenindustrie sowie in Ministerien, Behörden, Verbänden, Forschungseinrichtungen, Hochschulen, aber auch in der Öffentlichkeitsarbeit und Entwicklungshilfe.

(Quelle: DIEPENBROCK mit KAUL und VON FRAGSTEIN 2001: Workshop „Status und Zukunft der Pflanzenbauwissenschaften an den Universitäten“)